Gute Sicht mit Johan Michielsen

Kein Sinnesorgan ist so wichtig wie das Auge: 80 Prozent der Informationen unserer Umwelt nehmen wir durch unsere Augen wahr. Unser Fotograf Johan Michielsen reist schon seit 2011 mit seiner Kamera und einem Rucksack voller Brillen in Gegenden, in denen Menschen aus verschiedensten Gründen nicht die Möglichkeit haben, sich eine gute Brille zu kaufen. Den Menschen dort schenkt er Sehvermögen und damit ein Tor zur Welt, uns schenkt er großartige Aufnahmen aus allen Ecken der Erde.

Johan lebt im niederländischen Helvoirt. Dort besitzt er einen Bauernhof und genießt den herrlichen Blick über die Wiesen, auf denen Kühe friedlich grasen und Hühner durch den Obstgarten stolzieren können. Er arbeitet als Prozess- und Projektmanager für zwei Gemeinden in der Nähe, aber seine wahre Leidenschaft ist die Fotografie.

,,Begonnen hat alles eigentlich mit der Kunst, nicht mit der Fotografie. Als Kind sah ich meinem Onkel Jan gern dabei zu, wie er die verrücktesten Zeichnungen auf den Notizblock zauberte“, erzählt Johan. In den Sommermonaten arbeitete er auf einem Bauernhof und verdiente sein erstes eigenes Geld, von dem er sich Leinwand, Pinsel und Ölfarbe kaufte. ,,Zunächst kopierte ich nur Porträts und Werke großer Meister wie Vermeer und Rembrandt. Erst nach und nach entwickelte ich meinen eigenen Stil. Aber am Malen hat mich immer gestört, wie lange es dauert von der Idee zum fertigen Bild.“ Deswegen begann Johann zu fotografieren. ,,Ich begann damals mit Dias und Schwarzweißfilm, alles analog. Ich musste die Bilder in der Dunkelkammer des örtlichen Foto-Clubs entwickeln“, erinnert er sich. Diese Zeiten sind aber lange vorbei: Heute ist Johan schon ein alter Hase in der Fotografieszene und hat durch soziale Medien unter dem Titel Affect Fotography einen recht hohen Bekanntheitsgrad erreicht.

Johans Stil zu beschreiben ist gar nicht so leicht. Einerseits fertigt er viele Stillleben, Landschaftsaufnahmen und Porträts an. Andererseits ist er aber auch begeisterter Weltreisender und hat sich vorgenommen, möglichst viele Menschen an den abgelegensten Orten der Erde durch seine Brillen zu unterstützen. Auf seinen Reisen porträtiert er gerne die Menschen, denen er die Brillen schenkt. ,,Diese Menschen Leben manchmal einfach zu weit von der Zivilisation entfernt, um in einen Laden zu gehen und eine gute Brille zu kaufen. Oder es ist einfach zu teuer. Meine Aktion hilft mir dabei, Kontakt mit den Menschen aufzunehmen und sie zu fotografieren – natürlich mit deren Einverständnis.“

,,Chishema shahihe?”, lautet Johans Frage, die er immer wieder stellt. Meistens reagieren die Menschen dann erstmal verwirrt und starren ihn mit großen Augen an. ,,Warum sollte ein großer, weißer Mann wie ich auch fragen, ob jemand eine Brille braucht? Meiner Erfahrung nach denken fast alle zunächst, dass sie meine Frage falsch verstanden haben und erst wenn ich wirklich eine Brille aus meinem Rucksack hervorziehe, verstehen sie und versuchen mir zu signalisieren, dass sie sich keine Brille leisten können. Aber um Geld geht es natürlich nicht.“ Auf diese Weise war Doktor Johan, wie er oft genannt wird, schon für viele Menschen ein Held. ,,Am schönsten sind die Momente, in denen Kinder oder auch Erwachsene, die in ihrem ganzen Leben nie gut sehen konnten, plötzlich ganz klar sehen können und die Welt, die ihnen jahrelang entgangen ist, begreifen. ,,Dieses Projekt ist mir wichtig und eine gute Sache. Dass dabei auch großartige Portraits entstehen, ist ein Nebenprodukt, über das ich sehr dankbar bin. Wenn ich die Bilder zuhause in den Niederlanden auf meinem Bildschirm betrachte, habe ich oft den Gedanken: Ich schaue in die Menschen und die Menschen schauen zurück. Diese Brillen helfen den Menschen und es ist ein gutes Gefühl, die Menschen ganz konkret unterstützt zu haben.“

Weitere Informationen über Johans Projekt findest du auf facebook oder auf seiner Website: www.affectfotografie.com.

Mönch vor goldenem Gong

Eine solche Reise ist immer ein Abenteuer. Auch weil Johan oft Orte besucht, die gar nicht so leicht zu erreichen sind. Nicht immer gibt es gute Straßen, oft werden die Zelte, Lebensmittel und andere Dinge von Johans Reisegruppe mit Pferden transportiert. Sobald sie vor Ort sind, werden die Zelte aufgebaut, aber Johan ist dann meistens schon unterwegs und auf der Suche nach einem spannenden Motiv.

Johans Lieblingsbild ist die Aufnahme einer buddhistische Kindernonne. Zu sehen ist ein kleines Mädchen, das uns aus großen braunen Augen direkt anstarrt. Die roten Kleider des Mädchens kontrastieren eindrucksvoll mit dem grünen Hintergrund. ,,Dieses Bild habe ich in einem versteckten Nonnenkloster aufgenommen. Ich habe zwei Frauen mit Brillen versorgt und habe dann erfahren, dass eine von ihnen eine Nonne war. Sie fragte mich, ob ich sie ins Kloster begleiten wolle, sie könne mir alles zeigen. Da war meine Neugier geweckt, ich interessiere mich sehr für Religionen und besondere Orte. Im Kloster wurde ich vom Oberhaupt der Gompa, so nennt man ein tibetisch-buddhistisches Kloster im Himalaya, empfangen. Durch die Küche wurde ich zu einem kleinen Speisesaal geführt. Während ich den Menschen dort die Brillen überreichte, versorgten mich die Nonnen mit Suppe und einheimischen Gerichten. Die Stimmung war schön und sehr persönlich, wir haben viel zusammen gelacht, obwohl wir uns kaum verständigen konnten. Auf dem Heimweg ging ich noch einmal durch die Küche, in der zwei Nonnen Erbsen schälten. Die Nonnen drehten sich weg, aber das kleine Mädchen stand verträumt mitten im Raum und sah mich an. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Ohne mein Brillenprojekt wäre ich nie in diesem Kloster gewesen und ich hätte dieses großartige Foto niemals machen können.“

Stylist Lianne über die Bilder von Affect Fotografie: "Willst du ausprobieren, wie Johans Bilder an deiner Wand wirken? Dann downloade unsere App und teste virtuell, was dir gefällt!"
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